Humor

Ja, liebe Freunde bürgerlicher Plaisirchen: jauchzet und frohlocket – Ihr, die Ihr modern und im nachhaltig zu agieren motivierten Wertekanon große Strecken mittels umweltschonender Techniken zu überwinden sucht; humorvoll ist der gemeine Bahnkunde heute. Gelassenheit ist erste Bürgerpflicht, EGAL was geschieht. Aufrecht sollt Ihr den Widrigkeiten entgegentreten, für die Eure Partnerin, die Deutsche Bahn, den Kopf herhalten muss – was immer der Zulieferer S oder der Zulieferer DT so versäumt und damit das idyllische Reisen verhindert.

Aufrecht ist dabei übrigens ganz plastisch zu sehen. Was auf dem ersten Blick nämlich selbstverständlich wirkt – beispielsweise wenn das Servicepersonal der ersten Klasse so energisch die Gänge hin- und herpatroulliert, dass die Haare der Patienten, Verzeihung: Passagiere vom Rückstoß der Luft zerwehen – ist nämlich im Einzelfall gar nicht so einfach. Ich schlage als Übung folgendes vor: Gesetzt den – wie es beim Transport-Peer zu Luft immer so schön heißt – unwahrscheinlichen Fall des Druckverlustes in der Kabine des Zugmotors: der Gleisverkehr wird zum Erliegen gebracht und man findet sich als humorvoller Fahrgast inmitten paradiesischen Nichts wieder –

 

–          Lasset uns innehalten –

Ohne ein Geräusch.

Ohne Netz.

Ohne urbane Infrastruktur.

Inmitten der satten Natur.

Ohne Motorgeräusche.

Ohne Durchsagen.

In verheißungsvoll-neugierigem Lauschen der Mitfahrer.

Auf eine Ansage.

Eine Information.

Einen Hinweis.

 

Stattdessen: ein Knall. Dann Stille.

Furchterregende Stille.

[gleich kommt das Getrommel, dann die Orks]

 

Das an sich würde schon an Abenteuer reichen, wäre da nicht der Ort selbst, an dem der Zug zum Erliegen käme:

In einer Kurve.

In einem spürbaren Neigungsgrad, der unseren Reflex stimuliert, nicht etwa ein Lot zur Achse des schiefen Zuges, wohl aber zur Achse des Erdbodens herzustellen, um unser Gleichgewicht halten zu können. Dem gefühlten 45-Grad-Winkel trotzend. Der horizontalen Dehnbarkeit der faktischen Beckendiagonale trotzend. Der waagerechten Sitzfläche des Sessels trotzend. Die Körperspannung haltend. Und haltend. Und haltend. Sagen wir: 45 Minuten lang. Ja,  dann stellt sich das Aufrecht gehen mit einem Mal als erstaunlich herausfordernd dar.

Das ist natürlich ein reines Gedankenexperiment. Vollkommen hypothetisch. Ein Zug verschwindet nicht einfach in der Pampa. Es ist ja kein Flugzeug. Netz gibt es immer und überall; demnach auch stets WLAN. Und Kurven, die gibt es schonmal gar nicht, darum auch keine geneigten Züge. Darum darf sich auch kein Mensch wie Spiderman fühlen, nur weil plötzlich die Decke des Zuges entlangzulaufen balanceversprechender zu sein scheint, als der teppichbedeckte beruhigend gestreifte Boden. Die Welt geriete buchstäblich aus den Fugen, für sagenhafte 45 Minuten.

Wie absurd, sich überhaupt solche Gedanken zu machen. Das alles würde schließlich nur dann passieren, wenn es eine technische Störung gäbe – und das kommt ja durchaus selten vor. Fast so selten wie Oberleitungsschäden oder Überstundenverweigerung des Bordpersonals. Aber was solls: wir sind ja bürgerlich, haben keinerlei Sorgen im Leben und müssen unseren dekadenten Geist von Zeit zu Zeit mit kreativen ‚Cases‘ zu ungewöhnlichen gedanklichen Kapriolen animieren. So könnten wir doch einfach mal annehmen, dass uns das reguläre Aufrechtgehen durch irreguläres zum Stehen Kommen des Vehikels in einem gottverlassenen netzfreien Ort im Taunus nur darum zum Problem wird, weil es rein theoretisch ein technisches Problem am Zug gibt. Ein kleines, zunächst, das sich in 10 Minuten zu regeln verspricht. Nach 30 Minuten jedoch nichts mehr verspricht. Kaputt, der Zug, einfach so.

Allerdings:

Nur für alle Fahrtbewegungen Richtung Nordwesten. Nicht aber die Rückfahrtbewegung gen Südosten. So eine Lok soll ja an sich drücken UND ziehen können. Dem Unglückswurm ICE18 in der Kurve heute früh (sehr früh!) waren diese Doppelfähigkeiten irgendwie nicht vergönnt, so scheints. Nach Köln mochte das Ding irgendwie nicht. Wie ein Meerscheinchen auf der Flucht vor entzückten, stark minderjährigen, vor allem aber noch stärker enthusiastischen Besitzerinnen, die es zu knuddeln drohen, zog sich der Zug nun also schnurstracks in die Obhut des Fernbahnhofes des Frankfurter Flughafens zurück. Vielleicht war es das Adrenalin der gar nicht mehr so humorvollen Reisenden, das einem den Eindruck vermittelte, der Zug an sich sei erleichtert, als er das überdachte Nest erreichte. Vielleicht war es aber auch die Projektion des eigenen Sicherheitsgefühls, das sich bei der Wahrscheinlichkeit, nicht Gras, sondern einen Bahnsteig zu betreten, sollten sich die Türen je wieder öffnen, einstellte. Man meinte sodann ein bahnliches „Puh!“ wahrzunehmen, als schließlich der Rückzugsort erreicht wurde.

Ja, so kann es gehen.

Vielfahrer entwickeln ja eine gewisse Routine – auch in der Betrachtungsweise vermeintlich ungewöhnlicher, weil immer wieder unvorhergesehener und überaus überraschender Situationen. Und so glaubte ich einmal festzustellen, dass es eine Korrelation gibt zwischen Tageszeit und Pünktlichkeit. Nämlich dergestalt, dass die Wahrscheinlichkeit, pünktlich anzukommen, weil Folgeprobleme vorangegangener Reisestrecken desselben Zuges noch gar nicht entstehen können, wenn es die erste Fahrt am Morgen antritt, folglich höher ist, als wenn unvorhergesehene und folglich nicht eingeplante Friktionen das Vorankommen im Laufe des Tages beispielsweise durch Baustellen, „Feuerwehreinsätze“ [sic!], Schäden unterschiedlicher Art, Wetter und ähnliche Zumutungen verhindern. Es muss ja auch nicht immer ein eigenes Problem sein: oft kann man in einen Bahnhof nicht einfahren, weil das Gleis noch durch einen anderen Zug blockiert ist, oder durch die Verringerungen der Parallelgleise, die das gleichzeitige Fahren in zwei Richtungen ermöglichen sollen, auf ein einziges Gleis, bei dem man sich von Zug zu Zug absprechen muss, wer nun erst fährt, um nicht zu kollidieren (Danke übrigens für diese Bestrebung, verehrte Deutsche Bahn!). Autsch, das war ein langer Satz. Kurz gesagt: je früher ein Zug fährt, desto eher verläuft die Fahrt ohne nennenswerte Komplikationen. Nicht so aber an diesem schönen Morgen, an dem man mal die etwas andere Erfahrung mit der Schwerkraft machen durfte. Für eine lange Zeit.

Zum Glück aber kam es dann so, dass es keinerlei Wartezeit auf den nächsten Zug in die gewünschte Richtung gab, da der Zug, den man nicht genommen zu haben bedauerte, selbst eine halbe Stunde verspätet war und nun brav (und leer!) am gegenüberliegenden Gleis wartete. Da sagt man mal man hätte kein Glück. Die Deutsche Bahn beweist das Gegenteil.

Aber nein, liebe Leser: Ihr kennt mich bereits und wisst, dass es mir fern liegt, die Deutsche Bahn irgendwie zu beschädigen. Das ist einfach zu platt, alles unreflektiert auf dieses große und sehr komplexe Unternehmen zu schieben, auf das ohnehin immer so viel gepöbelt und geschimpft wird [darüber hinaus fände die Deutsche Bahn es sicher einmal schön, diesen wirklich witzigen Blog mal ausbauen und gegen sehr viel Geld zu publizieren] [Redaktion, das war ein Ausfall, bitte streichen] [Redaktion?] [-räusper-] Ja, also worauf ich hinaus wollte ist, dass ich doch eigentlich lieber schlecht über meine Mitfahrer spreche als über strukturelle Probleme. So war sicher nicht das schlimmste, abgeschnitten zu sein von jeglicher Außenkommunikation. Auch nicht, mit 2 Stunden Verspätung zur Arbeit zu kommen. Nein, auch nicht einmal die Unannehmlichkeit des Umsteigens und weiterhin ständigen Stehenbleibens auf der Strecke. Immerhin gabs ja einen Gutschein als Entschädigung. [Den ich übrigens gern auch wieder zurückgebe, wenn wir über die Autorenanteile verhandeln, liebe Deutsche Bahn!] [Das muss mein Tourette sein]. Nein. Irgendwie scheinen solcherlei Unannehmlichkeiten bei Damen über 50, die mit Tupperdosen und Thermoskannen in der ersten Klasse unterwegs sind und den Fahrschein in hydrophober Laminierung so lange in der Luft halten, bis der Schaffner tatsächlich vorbeikommt und mit dem wunderlichen schwarzen Ding, den Dingscode scannt, das dann piebst und hahaha, die moderne Technik, gell! – – – diese Damen zu einem völlig enthemmten Schnattern zu animieren, in dem sich Fragmente einer Mannigfaltigkeit persönlicher Informationen aus der gleichzeitigen – nicht etwa gegenseitigen – vehementen Aufklärung extrahieren lassen. Ohne auch nur einen monokausalen Zusammenhang zu verstehen, ist dieses Phänomen umso faszinierender, als diese unheimliche Ansammlung an Wörtern in Kombination mit Tonlagen, denen man wirklich niemals wieder begegnen möchte, begleitet wird durch außerordentlich aufdringliche zustimmungssuchende Blicke, die jeder Beständigkeit meiner Körpersprache trotzt, die ihrerseits schreit: ICH WILL NICHTS MIT EURER UNTERHALTUNG ZU TUN HABEN! ICH WILL MICH NICHT BETEILIGEN! ICH FINDE EUCH DOOF! SORRY, DAS IST ARROGANT UND GERINGSCHÄTZEND, ABER HIER IST EIN GRABEN UND EIN STACHELDRAHT ZWISCHEN EUREM UND MEINEM LEBEN! – jeder Hauchs einer Vernachlässigung meines selbstschützenden Abwehrpostens mit gesenktem Blick, der verhindern soll, in den Doppelmonolog integriert zu werden, kann binnen Sekunden ausgenutzt werden.

Jo. Bilanz einer Fahrt: 4 Züge, davon 3 verspätet, davon 2 Fernzüge, unzähliges Halten, 1 Ziel, 1 Zielerreichung, 1 schiefes Becken, 1 schiefe Wirbelsäule, 0 neue Freundinnen. Ich würde sagen: #läuft.

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