Bei der Macht von Grayskull…

Heute morgen auf der Fahrt nach Köln twitterte ich: „Wenn ich mich morgens im Zug schminke, möchte ich immer rufen: „Bei der Macht von Grayskull…“

Ich freute mich sehr über diese Eingebung, die bald zur Eingabe heranwuchs. Wow – ich bin wie He-Man, oder besser noch: wie She-Ra! Genau so! Yeah! Aus der eher unauffälligen (weil: ungeschminkten, wohlgemerkt!), Adora wird, das Schwert zückend, sich an das Hauptportal von Grayskull beamend und den berühmten Schwur ausrufend die starke, charismatische, siegreiche und – ja! – geschminkte She-Ra, die auszieht, die Welt zu retten. Wie ich quasi.

Vor lauter Machtrausch über die wunderbare Verwandlung aber lenkt dieser Gedanke wohl davon ab, was hier tatsächlich skandalöses im Vorfeld passiert: ich schminke mich im Zug.

Oje. Sehr damenhaft, Frau Krohn. Heute früh wohl nicht durchgekommen, mit der Morgentoilette, was, Frau Krohn? Wohl zu lange im Bett liegen geblieben, hm? In jedem Fall aber wohl zu viel herumgegammelt, egal wie. Mein Gott, wie peinlich. Wenn jeder so undiszipliniert wäre! Demnächst bringt wohl jemand seinen Elektrorasierer mit, stöpselt sich einfach ein und legt los. Bald tun es alle. Und dann kommen die ersten Nassrasierer! Und Gott bewahre uns vor dem Moment, da die morgentliche Selbstzuwendung die Gefahrenzone nördlich des Halses verlässt und sich gen Süden ausbreitet? Oh nein, oh nein, oh nein! Gedanke: raus aus meinem Kopf! Ich will nicht, dass mein Großraumabteil künftig einer öffentlichen Banja gleicht! Bitte nicht!

Und das allerschlimmste wäre: ich hätte angefangen! Hätte gar keinen Anlass, mich zu beklagen! Ja, könnte nicht einmal einen Blogpost verfassen, weil ich doch lieber ganz mucksmäuschenstill sein sollte und rückwärts schleichend aus dieser Szene rausschleichen müsste, um dann beschämt die Beine in die Hand zu nehmen und jede Verantwortung von mir zu weisen. Oder den Konflikt im Zuge dessen für beendet zu erklären. Oje oje. Big fail, Frau Krohn. Wo ist nur ihre Contenance geblieben? Die Selbstdisziplin?

Die psychologische Tiefenanalyse würde sich jetzt zu der Frage veranlasst sehen, ob mir diese Fehlorganisation am Morgen tatsächlich ‚passiert‘, oder ob ein tieferer Sinn, ja, vielleicht gar ein Selbsterhaltungstrieb, eine Abwehr oder  eine Verdrängung dahinterstehen könnte, die dem eiskalten Kalkül meines geschundenen Unterbewusstseins zugrundeliegt. Ich persönlich glaube das natürlich auch. Der Eindruck liegt nahe, das das Fehlen meiner Kampfmaske in der mir vertrauten Stadt, in der ich selbstgewählt residiere, auch eine gewisse Verletzbarkeit zulasse und mich darum im sicheren Umfeld des menschenvollen öffentlichen Personennahverkehrs auch konsequent offenbare. Einfach auch mal, um Vertrauen zu und die Vertrautheit mit der Menschheit zu trainieren.

Tja. So ist es aber nicht. Das Gegenteil ist richtig: Wer mich kennt, weiss, dass ich ca. 75,4% meines Wachzustands zumindest lächelnd verbringe. (über die Schlafphase gibt es vergleichsweise wenig Information, und die wenigen Erkenntnisse taugen auch nicht für empirisch saubere und damit signifikante Ergebnisse)

Die Menschen, die sich oft an Bahnhöfen in unserer schönen Republik aufhalten und das nicht-Vergnügen erleiden mussten, mir das eine oder andere Mal zu begegnen, werden diesen Befund sicher nicht bestätigen können. Ganz grimmig rase ich – immer verspätet – um die Ecken und schlimmer noch: je weniger ich rase, desto tiefer graben sich die hasserfüllten Furchen in mein Gesicht. Jenseits von Adora ist der Gesichtsausdruck derart passiv-aggressiv, dass man meint, ein entsprechender Geruch geht von meiner Person aus. An diese Pollen kommt keiner! Will auch keiner! Es ist grauenvoll. Ja! Und sich nicht zu schminken unterstreicht diese Misere noch! Da muss man sich doch fragen: kann das wirklich noch Absicht sein? Kann eine junge (-räusper-) Dame nicht zum einzigen Ziel haben, sich wie eine Blume freundlich der sonnigen Welt entgegenzustrecken?

Offensichtlich nicht.

Wie kann das nun aber passieren? Bin ich ständig über die Bahn verärgert? Ausgeschlossen. Obwohl ich gerade in einem ausgezeichneten Artikel über das Pendeln las, dass der Stresslevel, der im Angesicht eines verspäteten Zuges und dem damit verpassten Anschlusszug entsteht, offenbar ebenso hoch sein kann, wie der Stresslevel, den ein Pilot eines Kampfjets im Einsatz erleidet. Dennoch: ich habe Nerven aus Stahl (She-Ra, remember?)

Bin ich dann vielleicht ein missratener Wehrwolf, der statt auf Vollmond auf volle Bahnhöfe reagiert?

Mög-li-cher-wei-se.

Hmm.

Hier könnte die Analyse auch aufhören. Diese Vorstellung ist irgendwie cool. Auch wenn sie irgendwie was von Hulk hat, der ja nicht nur abstoßend ist, weil er so grün ist wie Shrek, sondern vor allem weil seine Verwandlung – anders als der sonst nicht weniger eklige Spiderman oder der etwas alberne Batman – so unkontrolliert erfolgt. Sowas ist ja ganz und gar unsexy, wenn Ihr mich fragt.

Gut. Analysieren wir weiter.

Ich bin morgens also entweder ungeschminkt, weil ich disziplinlos und tollpatschig bin, oder #AusGründen, nämlich, weil ich den Preis der Hässlichkeit zahle, um von gar zu nahen fremden Menschen am Morgen weiträumig umfahren zu werden. Der nächste Schritt wäre eindeutig und folgerichtig, sich morgens nach der Dusche (oder gar ohne Dusche!) Ganz und gar mit Knoblauch einzureiben. Ich wette, das würde den einen oder anderen Bahngast dazu veranlassen, einen Blog über die romantischen Aspekte seiner Bahnfahrten aufzusetzen 🙂

Veröffentlicht in Caro

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