„Der Nächste bitte!“

Ein Blog geht um die Welt. Und wir freuen uns einen weiteren Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen. Vielen Dank Sascha.

Obwohl ich mich für so eine Behauptung in den 80er Jahren hätte steinigen lassen: Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, das die Deutsche Bundesbahn maßgeblich zu Deutschlands Ruf in der Welt beigetragen hat, bei uns gehe alles geordnet, nach Vorschrift und vor allem pünktlich zu. Man konnte sich natürlich schon damals über die Muffigkeit dieses Staatsbetriebs mokieren – unflexibel, unfreundlich, mit etwas angestaubter Technik und auch sonst eher zum Gähnen als ein Hingucker.

In vielerlei Hinsicht hat sich die Bahn – trotz Privatisierung und ihrer Aufstellung als integrierter Transportkonzern – nicht verändert. Die Freundlichkeit des Personals ist auch heute noch kein Allgemeingut geworden, die ICE-Züge sind mittlerweile auch schon alle recht angestaubt, und gerade was die Pünktlichkeit angeht: Ich weiß gar nicht so genau, wann ich zuletzt wirklich pünktlich abgefahren und angekommen bin.

Jetzt sitze ich wieder im ICE in Richtung Frankfurt und bin tatsächlich punkt vier losgefahren. Planmäßig sozusagen. Dass ich aber jetzt überhaupt in diesem Zug sitze, ist heute nicht selbstverständlich.

Die gestrige Hinreise nach Karlsruhe (verspätet) war alles soweit in Ordnung. Mein ausgedrucktes Onlineticket wurde vom Schaffner fein säuberlich abgeknipst (die Zangen stammen ganz sicher noch aus den 70ern), und alles war gut. Vorhin, im Bahnhof Karlsruhe, musste ich jedoch feststellen, dass mein Ticket nicht aufzufinden war. Das liegt jetzt irgendwo im Hotel oder auf einem der Bistrotische der Veranstaltung, die ich gestern und heute besucht hatte. Merde…

Ich sah mich schon eine neue Fahrkarte nach Frankfurt kaufen. Auf den Kosten wäre ich natürlich sitzengeblieben, warum sollte die Firma auch für meine Schusseligkeit aufkommen. Aber auf dem Weg zum Ticketautomaten kam mir eine verwegene Idee!

Ich ging zum Reisezentrum. Leer. Herrlich, keine Schlange. Nummer ziehen und ab zur Dame hinter dem angezeigten Schalter. Die kann mich quer zum Frühstück verspeisen, dachte ich – so wie sie da mit vorgezogenen Schultern und bulligem Körper dasitzt – das Haar streng gescheitelt und zurückgekämmt. Kleine Augen  hinter Brillengläsern in Panzerglasstärke, Angriffslust signalisieren. „Können Sie mir mein Online-Ticket noch einmal ausdrucken? Ich finde es nicht mehr.“ Ich flüsterte fast. Sinnlos, dachte ich im selben Moment. Die lacht mich gleich mal herzhaft aus, ruft quer zu ihren Kolleginnen rüber, was sie denn da für einen vor sich hätte,  dachte ich – und würde dabei mit ihrer Kollegin ein High Five abklatschen.

„Ja, das ist kein Problem. Haben Sie Ihre Buchungsnummer und Bahncard parat?“ Äh, wie bitte?? Ja, hab ich.

Sie tippte die Daten in ihren Rechner, reichte mir den Ausdruck, guckte an mir vorbei und rief, „der Nächste bitte“.

Ein Kommentar zu “„Der Nächste bitte!“

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