Es war ein guter Tag…dann kam die Bahn

Da es um uns ein wenig ruhiger wurde in den letzten Tagen, freuen wir uns wieder über einen Gastbeitrag. Vielen Dank an Lisa.

 

Es war ein guter Tag… Es war eigentlich ein guter Tag. Also so ein Tag, an dem wirklich alles läuft: von alleine ausgeschlafen aufwachen, Sonnenschein, nicht zu heiß und nicht zu kalt, Lieblingsjeans sitzt perfekt, grüne Ampelwelle, Wochenende und die Vorfreude den Liebsten zu sehen, der circa 200km entfernt wohnt. Also alles in allem ein wirklich guter Tag. So, jetzt ist dazu zusagen, dass ich eigentlich wirklich ein Freund von Fernbeziehungen war. Auch fand ich das Reisen mit der Bahn ganz angenehm. Früher. Wenn man Zeit hat. Als Schüler. Denn auch wenn es alle anzweifeln, auch Studenten haben kein unendliches Zeitbudget, nur weil sie Studenten sind. Dann kam die Fernbeziehung und mit dieser einhergehend auch das regelmäßige Reisen mit der Bahn. Natürlich kann man sich jetzt fragen: Warum nicht das Auto? Ganz einfach: ich bin ein notorischer Reiseschläfer. Keine fünf Minuten unterwegs, ich schlafe, egal ob im Auto, im Flugzeug, auf dem Schiff. Ja, ich bin sogar schon mal auf dem Traktor auf dem Heimweg von der Apfelernte eingeschlafen. Und als Student ist Benzin Mangelware, da ist so ein Bayernticket schon Gold wert für ein Studentenportemonnaie. Gut, fürs Portemonnaie ja, für meine Nerven und den Alterungsprozess nein. Ich glaube ich bin in einem Jahr Fernbeziehung um circa 5 Jahre gealtert. Schon wenn ich nur einen Bahnhof sehe, springt, ping!, eine Falte auf meine Stirn, Wange oder Mundwinkel! So also dieser gute Tag: vorbildlich hatte ich mich natürlich am Abend vorher über die Zugverbindung, Abfahrts-, Umsteige- und Ankunftszeit informiert. Also war ich gut vorbreitet, zog allerdings, was sich im Laufe des Fernbeziehungsjahres bewährt hat, meine Nike Free Laufschuhe an. Man weiß ja nie… Ja doch, eigentlich weiß man schon und es ist genau diese innere Ahnung, die einem Turnschuhe und nicht 15 Zentimeter High Heels bei einer Bahnfahrt anzuziehen befiehlt. Also war ich wirklich bestens gewappnet. Auch meine Reisetasche war 1A für einen 500m Sprint geeignet. Ich hatte genügend Energieriegel eingepackt, Handschuhe und Mütze (es war zwar erst September, aber man weiß ja nie….) und 1,5 Liter Mineralwasser. Mein Vater, der mich schon eine dreiviertel Stunde vor „geplanter“ Abfahrt (man weiß ja nie…) an den Bahnhof fuhr, fragte nur, ob ich auf ein Survival Camp fahre und eigentlich hatte er recht: es ist ein wahres Abenteuer mit der Bahn. Ich bin ja eigentlich ein Freund von Abenteuern: Fallschirmspringen, an Wasserfällen herunter klettern, Steilwände wieder hoch krakseln, Rafting und all das könnte ich zu meinen Hobbies zählen. Doch erreiche ich einen Bahnhof bekomme ich ein Kribbeln in den Fingern, mein Magen wird flau und Schnappatmung setzt ein. Ich höre prinzipiell keine Musik auf Zugfahrten, denn die Panik, eine wichtige, unverständliche Durchsage zu verpassen ist enorm. Ich gehe also zum Fahrkartenschalter und wähle meine Zugverbindung. Schweißausbruch! Wieso steht da ein kleines Dreieck mit Ausrufezeichen in alarmierendem Rot neben meiner Verbindung???? Das war weder gestern Abend, noch heute Morgen da? Wer hat DAS da hin gemacht??? Und WARUM? Reparaturarbeiten auf dem Streckenabschnitt XY nach YZ. Verspätung MÖGLICH. Was heißt das denn jetzt schon wieder? Es kann zu einer Verspätung kommen, muss aber nicht? Warum? Ist es nicht das Ziel und der Wunsch aller Beteiligten in time anzukommen und abzufahren? Anscheinend nicht…Ich breche meine Fahrkartenauswahl nach 15 minütigem Überlegen ab und suche eins von den blauen Männchen oder Frauchen. Natürlich keine aufzufinden. Ich suche 15 Minuten. Panik macht sich weiter breit. ich finde einen. „Joa…do is so e Baustelle…do abbeide die uff de Gleise un mer könne do ni immer lang foarn.“ Ja also fährt der Zug nicht ab? „Joa…..doch scho. Awwer vielleischd müsse mer dann e poor Minudde do stehe bleibe“ „Aber ich hab doch nur 6 Minuten Aufenthalt in Würzburg bis mein Anschlusszug fährt. „Joa…Mädsche…do mussde halt renne oddä du nimmst dann hald de näggste!“ Ich hatte das große Bedürfnis diesen Mann zu verprügeln. An sich bin ich sehr pazifistisch veranlagt und eher schwer aus der Ruhe zu bringen. Vor allem an einem so guten Tag wie heute. Aber dieser Typ weckte ungeahnte Aggressionen in mir. Ich eilte also zum Ticketautomaten, ich hatte nämlich mittlerweile nur noch 10 Minuten bis zur Abfahrt, zog ein Ticket und eilte zum Gleis, welches doch tatsächlich das richtige war. Als ich in den Zug einstieg und auf Anhieb einen freien Zweisitzer erobern konnte, meine Tasche abstellte und mich in den Sitz fallen ließ, machte sich ein kleinwenig innere Ruhe breit. In meinem Wagon waren noch viele Sitze frei und somit nicht viel los und es war angenehm ruhig. Doch dies war nur die trügerische Stille vor dem Sturm, wie ich gleich erfahren sollte. Und es war kein Sturm, es war ein schwarzer Tornado in Form eines schwarzbemantelten Mittfünzigers, der sich doch tatsächlich, anstatt sich auf einen der gefühlten 100 anderen freien Plätze, auf den freien Platz neben mir setzte. Ich saß am Fenster. Meine Handtasche auf dem Schoß. Ich saß unter dem Kleiderhaken. Ich verschwand unter dem Mantel. Tauchte ab in die Tiefen des nach kaltem Rauch stinkenden Wollmantels und ich sah nur noch auf halbem Auge. Vielleicht hatte der Mann mich nicht bemerkt? Vielleicht hatte er ja deshalb auch nicht gefragt, ob er sich setzen kann. Nur so aus Höflichkeit. Und ich hätte selbstverständlich, nur so aus Höflichkeit, ja gesagt. Das ist übrigens auch so ein Problem als Bahnreisender: man ist zu höflich. Man akzeptiert lautes Gerede und Geschreie. Nur so aus Höflichkeit. Man hilft alten Damen 50 Kilo Gepäck in den Zug zu hieven und holt sich dabei einen Bruch. Nur so aus Höflichkeit. Man passt auf das Gepäck eines Fremden auf, der für circa die gesamte Fahrt von 6 Stunden verschwindet. Nur so aus Höflichkeit. Und man erträgt Sitznachbarn, die eigentlich untragbar sind. Nur so aus Höflichkeit. Ich mache mich also mit einem leisen Räuspern bemerkbar. Nicht zu laut natürlich. Um die anderen 2 Gäste im Abteil nicht zu stören. Natürlich der Höflichkeit wegen. Mit meinem noch unverdeckten Auge sehe ich, dass der schwarze Mann, mittlerweile in einem weißen Hemd neben mir sitzt und seine Zeitung entfaltet hat, so dass ich die eine Hälfte komplett für mich mitlesen kann. Sehr höflich dieser Mann. Denkt an seine Mitmenschen und deren Weiterbildung. Ich räuspere mich nochmal. Er schaut mich an. „Stört dich der Mantel?“ Ähhh jaaaaaa!!!!!!!!! „Naja, vielleicht könnten Sie ihn ja auf die Gepäckablage packen? Oder da vorne ist noch ein Viersitzer frei, vielleicht möchten Sie ihn ja dort hin hängen?“ „Dann seh ich ihn aber ja fast nicht mehr.“ DANN SCHWING DEINEN ARSCH ZU IHM AUF DEN VIERSITZER!!! „Achso, ja gut…“ Pause. „Wollen Sie sich vielleicht dann ans Fenster zu Ihrem Mantel setzen? Dann fühlt er sich auch nicht so verlassen von Ihnen“ ,versuche ich es mit einem kleinen Scherz. „Nein. Gang ist besser.“ Ok. Gut. Das wäre dann auch geklärt. Der Zug startet. Dass er 10 Minuten nach den angeschriebenen 5 Minuten verspätete Abfahrt abfuhr ist nicht wirklich erwähnenswert, sondern normal. So gesehen, fuhren wir sogar pünktlich los. Ich nahm mir vor beim nächsten Halt auf den Viersitzer umzuziehen. Doch ich schlief ein. In einer wahrlich bewundernswerten Position: Kopf gerade gehalten, denn hinten war die Kopflehne, die aussah als ob darauf vorher ein ganzer Kinderhort gewickelt wurde, links hing der stinkende Mantel, rechts die Schulter des Mannes. Alle 2 Minuten streifte mich eine Zeitungsseite, immer dann, wenn umgeblättert wurde, an der Backe. Doch ich schlief ein. Denn beim Reisen schlief ich immer ein. Ich wachte auf. Eine Durchsage. „…Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis.“ Mist. „Entschuldigen Sie, was wurde denn gerade durchgesagt?“ „Hab nicht hingehört.“ Na toll…der Mann war nicht nur groß, korpulent und stinkend, nein auch noch Desinteresse zeichnete ihn aus. Ah der Schaffner! Sehr gut. „Fahrkarte bitte.“ „Entschuldigen Sie, was wurde denn gerade durchgesagt? Ich bin leider eingeschlafen.“ „Verspätung, treffen 30 Minuten später in Würzburg Hauptbahnhof ein.“ „Danke“ Mir wurde schlecht. Dann ist mein Anschlusszug weg. Ich muss auf dem kalten Bahnhof warten. Frierend. Hungernd. Alleine. Naja, wahrscheinlich nicht alleine, denn es gibt immer wartende Menschen, deren Zug entweder Verspätung hat oder die ebenfalls ihren Anschlusszug wegen Verspätung des vorherigen Zugs verpasst haben. Ich war also nicht alleine. Es gibt Verbündete da draußen. Auch sie leiden mit mir. Tag täglich, wöchentlich, oder ab und zu. Egal. Sie alle teilen meine Leidensgeschichte. Wir werden uns zusammenschließen. Gemeinsam. Gegen den Feind. Für Werte. Werte wie das Einhalten eines Versprechens, Pünktlichkeit und Höflichkeit. Eine Rebellion wird ausbrechen und wir werden siegen. Gemeinsam. „Meine Damen und Herren, aufgrund des Abbruchs der Gleisreparaturen treffen wir nun doch mit lediglich fünf Minuten Verspätung in Würzburg Hauptbahnhof ein….“ Ok, dann muss die Rebellion noch warten. Bis zum nächsten verpassten Anschlusszug. Der ist nicht weit. Und dann geht es los. Das wird ein guter Tag.

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