Rien ne va plus

ja, liebe Freunde, diese Situation kennen wir alle: man steht im Stau, es geht nicht vorwärts, man muss fürchterlich dringend auf die Toilette und alles, an das man noch denken kann, sind Exitstrategien aus dieser Situation. Man berechnet Zentimeter, die es noch bräuchte, damit man in der Lücke zum Vordermann einscheren kann, um auf den Standstreifen zu kommen. Und dann? Dann fährt keiner vorbei, sondern die Autos stehen und die Insassen könnten seelenruhig zuschauen, wie man sich erleichtert. Was für ein Alptraum! Man denkt an unterschiedlichste Behältnisse, die das Problem diskret wie kompakt zu lösen versprächen, wären sie nur vorhanden. Das Auto, in dem man sitzt, bekommt zeitweise sogar Flügel, um einfach aus dem Stau herauszufliegen und einen in Gedanken zu retten. Sie haben eine Vorstellung, wie dringend dieses natürliche Bedürfnis sein kann, vor allem dann, wenn die Rettung sich einfach nicht einstellen mag.

Sitzt man in einem Zug, kann dies einem nicht passieren. Könnte man meinen. Der Zug steht nie im Stau und selbst wenn ein Oberleitungsschaden o.ä. den Zug für mehrere Stunden zum Erliegen brächte, so wäre man umfassend von den technischen Wunderwerken sogenannter Vakuumtoiletten umgeben, die jeden Anflug von Gedanken an Dringlichkeiten – wie im oberen Absatz beschrieben – vollkommen abwegig erscheinen lassen. Sauber sind diese Toiletten eigentlich nie und man fragt sich ständig, welche mannigfaltige Pracht an Bakterien einen dort wohl erwarten würde, wäre man nicht mit verschiedenen Desinfektionsmitteln, der Auslage von Toilettenpapier etc. dabei. Der Toilettengang in einem Zug ist im Grunde eher ein medizinisch-technisches Unterfangen, denn ein natürliches, soviel ist klar. Aber dennoch: man ist dankbar. Im tiefsten Innern. Dankbar dafür, dass es einen geographieunabhängigen Ort gibt, an dem die Grundausgeglichenheit des Alltags stets hergestellt werden kann.

Wäre man nicht vergangenen Freitagabend im Zug von Köln nach Frankfurt gewesen.

Ich habe in einem Zug noch nie die Toiletten gezählt, aber ich würde mutmaßen, dass jeder Wagen mindestens 2, wenn nicht 4 Toiletten zur Verfügung stellt. Selbst wenn es nur 2 pro Wagen sind und der Zug nur 5 Wagen hätte (auch die habe ich ehrlich gesagt noch nie gezählt – faireshalber muss hier gesagt werden, dass ich mir nur dann Gedanken um die natürliche Länge eines Zuges mache, wenn er deutlich kürzer ist, als er sein sollte, und in den verbleibenden Wagen ausharrenden Menschen deutlich – deutlich! – näher zusammenrücken müssen.), dann gäbe es wohl 10 Toiletten, aus denen man auswählen könnte, je nach Dringlichkeit der Unternehmung, die mit der vehementen Suche nach entfernter liegenden Alternativen korrespondiert. Tja. Man stelle sich vor, man säße in einem Zug und jede Toilette wäre defekt. Jede. Toilette. Jede Toilettentür enthielte ein Taschentuch mit der provisorischen Aufschrift „defekt“, das zwischen derselben und dem Rahmen festgeklemmt wäre.

Nach der Überquerung von gefühlt 162 Wagen mit jeweils gefühlt 2751 Menschen und jeweils zwei bis drei Gepäckstücken, die bevorzugt in den Gang gestellt wurden, gab es schließlich ein Bordklo, dem a) nicht das rote Zeichen der Verschlossenheit direkt ins Gesicht sprang und das b) kein Toilettenpapier mit der Aufschrift „defekt“ irgendwo kleben oder eingeklemmt hatte. „Hosiana“ – mochte man direkt ausrufen! Zuversicht glättete sogleich die Sorgenfalten von der Stirn; der verzweifelt-irre Opferblick wich der Rückkehr würdevoller Souveränität. Unwillkürlich glich die diagonale Landebahn zum Eingang der kleinen Bordtoilette einer direkten Luftlinie – nicht Koffer noch Mensch sollte der Rettung noch im Wege stehen – alles würde gut. Die Blase stellte sich auf eine Gewichtsreduktion um ca. 3751 Liter ein.

Jedoch.

Geben wir dieser Stelle eine bedeutungsvolle Stille. Betrauern wir den jähen Tod der Erfahrung vorauseilender Erleichterung. Lernen wir und lehren wir unsere Nachgeborenen, dass man sich erst dann etwas Freude im Leben gestatten darf, wenn man sichergeht, dass alle Rahmenbedingungen unumstößlich als erfüllt gewertet werden dürfen.

Noch im Sprung bäumte sich ein Chor reifer Herren vor der Tür des angesteuerten WCs auf richteten die Hand abwehrend auf und schüttelten resignierend den gesenkten Kopf. „Auch defekt??“ – entfuhr es mir. „Nein.“ Antwortete sogleich der vorderste. „Aber das ist nichts für junge Damen. Ehrlich. Das sollten Sie sich nicht ansehen.“ – Der Schock saß tief. So vieles hätte ich den zuvorkommenden Männern sagen wollen. Ich hätte sagen wollen „Aber ich war schonmal in Russland!“ (ich hätte damit gemeint „ich bin schlimme Klos gewöhnt“ oder „ich bin resistent“) – oder wenigstens „ich bin hart gesotten!“ oder sowas wie „lassen Sie nur, was immer ich dieser Toilette hinzufügen darf, ich trüge zur Verbesserung des aktuellen Zustands bei“ – oder irgendsowas.

Aber die Blicke der Herren versetzte mich in eine Art Schockstarre, die mich auf dem Absatz umkehren ließ – zurück über die 100 Mauern an mein bescheidenes Sitzplätzchen, auf dem mein Blick zurück auf die Uhr fiel und ich feststellte, dass die Restfahrtzeit etwa 30 Minuten betragen sollte. Ich stand quasi im Stau.

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